Halbinsel Wustrow Heeresstandortverwaltung

1273 erstmals im Stadtbuch von Wismar erwähnt, war die Halbinsel bis Anfang der 1930er-Jahre ein landwirtschaftliches Gut in den Händen zahlreicher Besitzer. Das Areal wird von Nordost nach Südwest in drei Zonen gegliedert. Gleich hinter dem Damm beginnt der rund 100 Hektar große und bebaute Teil der früheren Wohnsiedlung Rerik-West und der militärischen Zweckbauten. Dieser Teil ist abgesperrt und der Zugang untersagt, den Warnschildern zufolge wegen Gefährdung durch verbliebene Munition.

1932 wurde die Halbinsel Wustrow von den Damshagener Brüdern Bernhard und Hans Balduin von Plessen an die Reichswehr verkauft, die 1933 unverzüglich mit dem Aufbau von Deutschlands größter Flakartillerieschule, der FAS I, begann. Der Standort wurde auch als „Rerik-West“ bezeichnet. Eine Heeresstandortverwaltung wurde am 1. August 1933 eingerichtet und vorläufig in der Pension Ingeborg untergebracht. Das Herrenhaus, der Jungviehstall und ein Speichergebäude wurden zu provisorischen Unterkünften für übende Soldaten umgebaut. Es wurde schnell Platz für 350 Personen geschaffen. Das Geschäftszimmer der Standortverwaltung wurde Anfang 1934 auf die Halbinsel verlegt. Sie kam in der ehemaligen Schule unter. Im April 1934 wurden erste Kasernengebäude, das neue Lager fertig. Die dreistöckigen Gebäude waren unterkellert. Am 6. April 1934 wurde aus einer 7,5-cm-Flak L/60 der erste Übungsschuss abgefeuert. Dieses Geschütz wurde von Bofors in Schweden als „Bofors 75 mm m/1929“ eigens für die deutsche Reichswehr entwickelt; wegen fehlender Eignung entstand hieraus danach die 8,8-cm-Flak. Die übenden Flakabteilungen wechselten alle vierzehn Tage. Die Flakartillerieschule und der Luftwaffenübungsplatz beeinflussten das Leben in Alt Gaarz entscheidend. Im vorderen Teil der Halbinsel wurde eine Wohnsiedlung und der Militärbautenkomplex mit Flugplatz und Sportanlagen errichtet. Soldaten aus allen Teilen Deutschlands wurden in mehrwöchigen Lehrgängen an den Fla-Geschützen ausgebildet.

Im Laufe des Krieges wurden die Anlagen immer wieder erweitert und ausgebaut. Am 25. Juli 1943 war der Standort Ziel eines von Hamburg aus einfliegenden US-Bomberverbands (388th bomb group). Zum Ende des Zweiten Weltkrieges diente Wustrow als Zwischenstation für Einheiten, die zur Verteidigung der Stadt nach Berlin geflogen wurden. Auf der Flucht vor der vorrückenden Roten Armee verließen viele Bewohner und Soldaten die Halbinsel.

Am 2. Mai 1945 wurde Wustrow von dem Stadtkommandanten Deckwitz kampflos an die sowjetischen Streitkräfte übergeben.[8] Nachdem 1945 eine Bodenreform durchgeführt und Neubauern angesiedelt worden waren, wurde die Halbinsel Wustrow 1949 zur sowjetischen Garnison bestimmt. Die sowjetische Militärführung forderte alle noch verbliebenen deutschen Zivilisten zur Räumung der Halbinsel auf. Die Rote Armee übernahm die Halbinsel und schottete sie von der Außenwelt ab.

"Die Zeit der Roten Armee"

Über die sowjetische Besatzungszeit ist nur weniges überliefert. Es wird geschätzt, dass auf Wustrow bis zu 3000 Soldaten und deren Familienangehörige stationiert waren. Kontakte zur einheimischen Bevölkerung beschränkten sich auf Feiertage wie den 7. November, den Tag der großen Sozialistischen Oktoberrevolution. An solchen Tagen durften ausgewählte deutsche Delegationen an den Feierlichkeiten teilnehmen. Zeitweise wurden auch militärische und sportliche Aktionen mit den Mitgliedern der Betriebskampfgruppen und Soldaten der Nationalen Volksarmeedurchgeführt. Gesichert ist, dass wieder ein Schieß- und Ausbildungsplatz errichtet wurde, die Einheiten wurden durch Marine- und Nachrichtentruppen ergänzt.

Nach dem Ende des Krieges war ein Teil der Kasernenanlagen durch die sowjetischen Soldaten gesprengt worden, in diesen Bereichen wurden für die Mannschaften einfache Baracken aus Stein errichtet, die an einer Stirnseite mit Toiletten- und Waschräumen ausgestattet waren. Zwei abgetrennte Räume dienten als Waffenkammer. Neben den Schlafbaracken wurden verschiedene Gebäude zur Versorgung der Truppe, wie Küchen, Bäckerei, Speisesaal, Kartoffelbunker und ein Fleischlager, gebaut. Für die Selbstversorgung mit Schweinefleisch wurden etliche Schweineställe unterhalten. Diese Schweine liefen auch außerhalb der Ställe frei herum und verließen auch teilweise die Umzäunung. Sie paarten sich mit den dort lebenden Wildschweinen. Diese daraus resultierenden gescheckten Schweine waren noch viele Jahre auf der Insel präsent.

Das ehemalige Postgebäude wurde um einen großen Saal erweitert und dann als Kino genutzt. Hier wurden hauptsächlich an Sonntagen Filme vorgeführt. Ein Kindergarten und eine Schule für die jüngeren Kinder komplettierten die Anlage. Die älteren Kinder besuchten zuerst die Schule in Wismar und dann die in Schwerin. Für die Einheimischen war die Halbinsel eine verbotene Zone. Eine quer über die Straße verlaufende Mauer trennte Rerik von Wustrow. Die Mauer war mit Stacheldraht bewehrt, der an beiden Seiten bis weit in die Ostsee und das Salzhaff reichte. In den 1970-er Jahren wurde in Rerik ein Ausbildungszentrum des Deutschen Turn- und Sportbundes gebaut. Das Zentrum benötigte Platz, aus diesem Grund wurde die Mauer bis zur Mitte des Wustrower Halses zurückverlegt. Das Blechtor zur Straße nach Wismar war ständig bewacht, beide Straßenseiten waren von einem starken Zaun eingefasst. Auch innerhalb des Militärgeländes gab es etliche abgegrenzte Areale, die nur von Berechtigten mit entsprechendem Passierschein betreten werden durften. Die Bäckerei war beispielsweise mit einer Mauer umgeben und wurde von zwei Posten bewacht.

Die sowjetische Armee übte, ebenso wie vorher die Reichswehr, das Schießen auf bewegliche Luftziele. Zu diesem Zweck wurden große Luftsäcke von Flugzeugen über den Horizont gezogen; die Flugzeuge starteten in Pütnitz bei Ribnitz-Damgarten und flogen einen großen Halbkreis um die Insel. Neben den fest installierten Flakgeschützen wurde auch der Kampf mit Flakpanzern, die mit Zwillingsrohren ausgestattet waren, geübt. Die Flakpanzer schossen auf Boden-, See- und Luftziele. Die Seeziele wurden mit einem Schiff auf die Ostsee hinausgeschleppt. Bei solchen Übungen war die See bis zu 15 Kilometer für jeglichen Verkehr gesperrt. Für die Panzer war auf der Haffseite eine Fahrschulstrecke eingerichtet und für die Ausbildung der Infanteriesoldaten wurde ein Übungsgelände angelegt. Die Einheiten der Küstenartillerie waren bis zum Anfang der 1950er-Jahre stationiert. Danach wurden die Geschütze durch Raketen ersetzt, an denen die Soldaten ausgebildet wurden.

Eine parallel zur Ostsee verlaufende gepflasterte Straße führte hinter den Mannschaftsunterkünften zu den großen Radaranlagen und den dazugehörenden technischen Bereichen und Fahrzeughallen. Nahebei befanden sich eingezäunte Startrampen für Boden- Luft-Raketen. Auf dem ehemaligen Flughafengelände der Wehrmacht wurde um 1950 ein Turm gebaut, der Tower genannt wurde. Er diente aber nicht der Überwachung des Flugbetriebes, sondern als Feuerleitzentrale für die eigene Flakartillerie. Um mögliche Gegner über die Funktion des ehemaligen Flughafens zu täuschen, wurden über 20 Flugzeugattrappen aufgestellt.

Seit 1949 waren auf der Halbinsel auch Truppen der Baltischen Rotbannerflotte, Einheiten der Baltischen Südflotte und der 4. Baltischen Flotte stationiert. Zumindest zeitweilig wurden Funkeinrichtungen betrieben. Ein Funkaufklärungsbataillon und ein Fernmelderegiment, die organisatorisch zur Baltischen Rotbannerflotte gehörten, waren hier stationiert. Das Bataillon betrieb eine Radarstation und hatte zur Unterstützung eine Marineeinheit. Diese Einheiten waren durch einen beleuchteten und bewachten Doppelzaun streng von dem übrigen Gelände abgeschirmt. Der Auftrag der Funkaufklärer wurde lapidar mit Sicherstellung der Schiffsnavigation umschrieben. Das beinhaltete auch die Überwachung des bei Schießbetrieb gesperrten Seegebietes. Zur Orientierungshilfe für Marineflieger und Schiffe wurden zeitweise Funknavigationsanlagen und Funkfeuer betrieben. Bei großen Manövern mit Einheiten des Warschauer Paktes, wie Waffenbrüderschaft 70 oder Waffenbrüderschaft 80 wurde von hier aus die Navigation gesichert. Auch bei nationalen Übungen, wie Ozean 72 kamen die Einheiten zum Einsatz.

Auf der Halbinsel war die 2. Spezial-Aufklärungsbrigade der sowjetischen Streitkräfte GRU stationiert. Sie unterstand direkt dem Generalstab der GSSD in Wünsdorf. Die Aufgabe der Brigade war es, in Friedenszeiten Fernaufklärung in Richtung Nordatlantik und Jütland zu betreiben. Im Kriegsfall wäre von hier aus der Einsatz sowjetischer Seelandeeinheiten und die Blockierung der Ostseezugänge logistisch mit koordiniert worden. Es waren hier auch Landungsschiffe vorhanden, diese wurden bei dem Abzug der Truppen in den 1990er-Jahren zum Transport von technischen Gerätschaften von Wustrow in die UdSSR eingesetzt. Nach dem Ende der sozialistischen Staaten um 1989 wurde auch die Abschottung von der Bevölkerung gelockert und es wurden vermehrt Kontakte zur Bevölkerung gepflegt.

Eine letzte große Schießübung wurde über den gesamten September 1992 abgehalten, danach wurde der Ausbildungsbetrieb eingestellt. Die letzten Soldaten wurden im Oktober 1993 offiziell verabschiedet, der ehemalige Standort war im Mai 1994 endgültig geräumt. Nach dem Abzug der Truppen änderte sich die Situation in dem kleinen Ort Rerik grundlegend. Bis dahin war das Gebiet regelmäßig von Panzern durchfahren und von Düsenjägern überflogen worden.

"Entwicklung nach dem Abzug der Armee"

Nach dem Abzug der Sowjetarmee hofften viele ehemalige Bewohner der Häuser auf Wustrow auf eine Möglichkeit zur Rückkehr. Die Halbinsel wurde gemäß der Vereinbarungen im Einigungsvertrag zwischen der BRD und der DDR Grundvermögen des Bundes. Verhandlungen wegen der immensen Umweltschäden auf der Halbinsel wurden am 16. Dezember 1992 zwischen Boris Jelzin und Helmut Kohl in Moskau geführt, die zu einer sogenannten Null-Lösung führten: Eventuelle Schäden wurden nicht gegen Sachwerte aufgerechnet. Die Bundesrepublik übernahm das Risiko der Altlasten und Schädigungen.

Nach einem Truppenübungsplatzkonzept der Bundeswehr wurde Wustrow nicht mehr für militärische Zwecke benötigt. Das Bundesministerium der Finanzenwurde für die Liegenschaft zuständig, die Verwaltung oblag der Oberfinanzdirektion Rostock und dem Bundesvermögensamt. Nach Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Bund und der Stadt Rerik wurde die gesamte Halbinsel schließlich im Februar 1998 an die heute in Dürenansässige Fundus-Gruppe verkauft.

Der Investor plante, eine Marina, einen Golfplatz und Reiterhof, ein Hotel mit 150 Betten und Ferien- und Eigentumswohnungen mit einer Gesamtkapazität von 2000 Personen zu errichten. Die Stadt Rerik, die das Vorhaben genehmigen muss, sprach sich dagegen aus, und verwies auf die entstehende hohe Verkehrsbelastung im Ort. Sie untersagte dem Eigner die Benutzung der Zufahrt zur Halbinsel. Im Gegenzug sperrte die Fundus-Gruppe am 2. September 2004 den Zugang und verbot die bis dahin stattgefundenen Führungen über die Halbinsel. Seitdem sind Besichtigungen nur noch vom Wasser aus möglich.

Von 2002 bis 2008 bewohnte der Künstler Günther Uecker, der auf der Halbinsel als Sohn eines Wehrmachtsangehörigen aufwuchs, mit Einverständnis des Investors und der Stadt eine Hütte auf der Insel, bis ihm das vom Landratsamt verboten wurde.


Standort: Mecklenburg-Vorpommern / Germany

Eigentümer: /

Bauherr: /

Fotograf: Wesenstein

Status: Munitionsbelastetes Gelände

Quelle: Rostocker Illustrierte vom 2. Februar 1936, abgedruckt in Hermann Langer: Leben unterm Hakenkreuz. Alltag in Mecklenburg 1932–1945. Edition Temmen. ISBN 3-86108-291-8, S. 141, Wikimedia Foundation Inc.

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