Franz Volhard Klinik

Zentralinstitut für Herz-Kreislauf-Regulationsforschung

Zu den Ergänzungsbauten der Nachkriegszeit im nördlichen Außenbereich des ehemaligen Genesungsheims gehört der 1956-57 nach Entwurf von Franz Ehrlich errichtete Klinik-Neubau für das Institut für Kortiko-Viscerale Pathologie und Therapie. Das aus der Forschungsabteilung für Schlaftherapie hervorgegangene Institut wurde 1958 der Akademie der Wissenschaften der DDR unterstellt und 1992 in Franz-Volhard-Klinik umbenannt.

In Zusammenarbeit mit dem Leiter der Einrichtung, Prof. Dr. Rudolf Baumann, entwarf Franz Ehrlich eine einzigartige Anlage, die sowohl wegen ihrer für die damalige Zeit ungewöhnlich modernen Gestaltung und der funktionalen Anordnung der Räume als auch wegen der hochwertigen technischen Ausstattung weltweit Anerkennung fand. Für die neuartige Bauaufgabe einer Schlafklinik, für die es auch international keine Vorbilder gab, hatte Ehrlich schallisolierte und klimatisierte Einzelzimmer entwickelt, die er ebenerdig um einen trapezförmigen Gartenhof reihte. Der am Bauhaus ausgebildete Architekt stellt in erhalb der Architekturgeschichte der DDR eine Ausnahmeerscheinung dar, weil er auch jenseits der in den 1950er Jahren verordneten stalinistischen Baudoktrin der Nationalen Tradition Bauentwürfe verwirklichen konnte, die an den internationalen Funktionalismus anknüpften.

Das Zentralinstitut für Herz-Kreislaufforschung (ZIHK), von der Gründung bis Ende Juni 1980 als Zentralinstitut für Herz-Kreislauf-Regulationsforschung bezeichnet, war ein vom 1. Januar 1972 bis zum 31. Dezember 1991 bestehendes außeruniversitäres Forschungsinstitut der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW). Es fungierte in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) als Leiteinrichtung für die Behandlung und Erforschung von Herz-Kreislauferkrankungen und war ab September 1984 Collaborating Center der Weltgesundheitsorganisation. Nachfolgeeinrichtung des Instituts ist das 1992 gegründete Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. Das Zentralinstitut für Herz-Kreislaufforschung, das 1985 rund 450 Mitarbeiter hatte, fungierte in der DDR als Leiteinrichtung für die Bekämpfung von Herz-Kreislauferkrankungen. Forschungsschwerpunkte des Instituts waren unter anderem die Grundlagenforschung zu den Ursachen der arteriellen Hypertonie und der koronaren Herzkrankheit, die Untersuchung der Regulation des Herz-Kreislauf-Systems und der Rolle des Zentralnervensystems, die Erforschung der Molekular- und Zellbiologie des Herzens und des Gefäßsystems sowie die Aufklärung der Ursachen des Herzinfarkts und des plötzlichen Herztodes. Darüber hinaus oblag dem Institut die Entwicklung und Bewertung neuer medikamentöser und apparativer Therapieansätze zur Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen. Gründungsdirektor des Zentralinstituts für Herz-Kreislaufforschung und ärztlicher Direktor der zugehörigen Klinik mit rund 80 Betten wurde Rudolf Baumann, der seit 1958 das Institut für kortiko-viszerale Pathologie und Therapie geleitet hatte. Ihm folgten von 1978 bis 1990 Horst Heine und von 1990 bis 1991 Karlheinz Richter. Albert Wollenberger, der zuvor das Institut für Kreislaufforschung geleitet hatte, wurde Bereichsdirektor am ZIHK. Nach der deutschen Wiedervereinigung entstanden als Nachfolgeeinrichtungen der drei in Berlin-Buch ansässigen Zentralinstitute mit Beginn des Jahres 1992 das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) als Forschungsinstitut, ein nach dem deutschen Internisten Franz Volhard benanntes kardiologisches Spezialkrankenhaus. Die Klinik, die im Bereich der Forschung mit dem MDC kooperieren, gehörte bis 2001 zur Charité Universitätsmedizin Berlin, nachdem zuvor bis 1998 die Freie Universität Berlin für die Trägerschaft zuständig war.

Seit 2001 waren die Kliniken Teil des Helios Klinikums Berlin-Buch der privaten Helios-Gruppe. Bis zum Mauerfall ist in beiden Teilen Berlins ein Medizinmekka weit über den Bedarf hinaus errichtet worden. Vor der Wende hatte Berlin 45 000 Krankenhaus-Betten. Im Osten der Stadt gab es vor zehn Jahren 28 Krankenhäuser mit knapp 14 700 Betten. Viele der Kliniken, wie etwa das Universitätsklinikum Charité, das Zentralinstitut für Krebsforschung "Robert Rössle", das Forschungsinstitut für Lungenkrankheiten "Franz Volhard" sowie das Zentralinstitut für Herz-Kreislauf-Krankheiten, die alle drei der Akademie der Wissenschaften unterstellt waren, oder das Klinikum Buch versorgten nicht nur Berliner Patienten, sondern Kranke aus der ganzen DDR. Für Diplomaten, Regierungsmitglieder und Mitarbeiter der Staatssicherheit gab es in der Hauptstadt eigene Krankenhäuser, die für den übrigen Teil der Bevölkerung tabu waren. Nach der Wende wurden das Diplomaten- sowie Staatssicherheitskrankenhaus und das Zentralinstitut für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurden abgewickelt.

Der ausgedehnte eingeschossige Gebäudekomplex ist in zwei Bereiche geteilt: Um einen kleinen Gartenhof im Südwesten gruppierte Ehrlich den Haupteingang mit Foyer, einen Hörsaal, die Bibliothek sowie Arzt-, Behandlungs- und Laborräume. Die fließende Raumfolge des Entrées gestaltete der Architekt als öffentlichen Bereich mit einem durchgehenden Bodenbelag aus dunklem Bruchschiefer, mit schlanken Säulen, Raumteilern und raumhohen Glasflächen mit filigranen Stahlrahmen. Die Korridore weiten und verengen sich je nach Funktion der anliegenden Räume und dem erwarteten Besucheraufkommen. Nordöstlich schloss Ehrlich (Architekt) den klinischen Bereich an. Die Krankenzimmer reihte er in zwei Flügeln parallel zu den Längsseiten eines großen Gartenhofs und orientierte sie mit ihren Fenstern alle nach Osten. Die beiden Flure liegen daher nach Westen. Mit jeweils drei Blumenfenstern öffnet sich der Flur des östlichen Flügels zum Innenhof und der des westlichen Flügels zu den Außenanlagen. Die Nordseite des Gartenhofes schloss er mit einer Gymnastikhalle ab. Die Außenansicht der Gebäude wirkt durch die abgewalmten, weit auskragenden Schieferdächer, bodentiefe, schräg gestellte Fensterflächen an der Eingangshalle, frei vor den Glaswänden stehende Rundstützen und eine breite Terrasse mit Werksteinfassung transparent und offen, zugleich schlicht und elegant.

Mit seinem Entwurf, der auf Symmetrien und rechte Winkel bewusst verzichtet und sich vor allem an den funktionalen Abläufen im Gebäude orientiert, griff Franz Ehrlich Prinzipien des organischen Bauens auf, die Hugo Häring in den 1920er Jahren entwickelt und die unter anderen Hans Scharoun fortgeführt hatte. Klar gegliederte Funktionsbereiche, vielfältig gestaltete Raumformen, eine enge Verbindung zwischen Innenräumen und Gärten sowie eine differenzierte Detailgestaltung zeichnen das Gebäude aus. Die Vorzüge einer um Innenhöfe gruppierten Anlage für einen Klinikbetrieb, der Ruhe und Abgeschiedenheit brauchte, konnte Ehrlich an den nur wenige Meter entfernt liegenden umbauten Gartenhöfen im ehemaligen Genesungsheim von Ludwig Hoffmann studieren und diese in eine moderne Variante umsetzten. Darüber hinaus nutzte er für seinen Entwurf ein von ihm entwickeltes System, mit dem sich in kürzester Zeit alle für den Bau notwendigen Kosten, Materialien, Arbeitskräfte und Zeit berechnen ließen.


Standort: Berlin/ Germany

Eigentümer: unbekannt

Bauherr: Magistrat Berlin

Architekt: Ehrlich, Franz

Fotograf: Denny Müller / (Ehrlich, Franz) Erbengemeinschaft nach Franz Ehrlich (Artikelfoto)

Status: Leerstand

Stand: 2018

Quelle: Landesdenkmalamt Berlin / Stalinistische Architektur, 1999 / LHQ Objektgessellschaft mbH & Co.KG - Anne Kretschmar

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